Anhand der in den vorherigen Kapiteln 2 – 4 angeführten Grundlagen sowie der Auswertung der Fragebögen, stellt sich zum einen die Frage, wie die Partizipation über das Internet am günstigsten umzusetzen wäre, zum anderen wie es mit der Verwendbarkeit der IuK-Technik zu Beteiligungs- und Mitbestimmungszwecken für verschiedene Teile der Gesellschaft bestellt ist. Die rechtlichen und politischen Befugnisse ermöglichen den Kommunalverwaltungen einen flexiblen Gestaltungsspielraum, was Planungsvorhaben und Planungsprozesse anbelangt (Planungshoheit). Daraus erwächst eine hohe Verantwortung und Verpflichtung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern keinen Missbrauch zu betreiben, sondern vielmehr aktiv für Möglichkeiten zur Mitbestimmung und Beteiligung zu sorgen. Bürgerinnen und Bürger können zwar aus Eigeninitiative, z.B. über Bürgeranträge, Bürgerbegehren, Beteiligung initiieren und praktizieren; die gesetzlich vorgeschriebenen Einflussmöglichkeiten sind allerdings beschränkt (Kap. 2.2) und erfüllen nur Mindeststandards. Was darüber hinausgeht, liegt bei den Kommunen, dazu gehört auch die Art und Qualität des Internetangebots.
Grundsätzliches Hindernis bei der Umsetzung von Beteiligungsoptionen im Internet, stellt die bereits erwähnte Divergenz zwischen technischer und gesellschaftlicher Entwicklung dar. Neue Technologien werden demzufolge zuerst von einem kleinen Teil der Bevölkerung, der aufgrund seiner tendenziell höheren Bildung und einer Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Techniken allgemein als "Info-Elite" bezeichnet wird, eingesetzt. Bis die Technik und das Wissen über die Anwendungsmöglichkeiten sich innerhalb der Bevölkerung verbreitet haben, vergehen, wie auch im Falle des Internet, teilweise Jahrzehnte.
Und selbst wenn eine zunehmende Zahl Menschen die Technik verwendet, braucht es seine Zeit, bis sämtliche Möglichkeiten wahrgenommen werden. Eine Studie von Konetzky und Zoche, die 1998 erstellt wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass die überwiegende Mehrheit (75%) der Nutzer eine interaktive Teilnahme an Ratssitzungen, Planungsverfahren, die Durchführung von Wahlen oder die Abstimmung über das Internet (Bürgerentscheide) mittelfristig nicht für möglich hält. Vielmehr wird ein Zeitraum von 5 – 10 Jahren angegeben. Nur 4% der Befragten gehen von einer Realisierung innerhalb eines Zeitraumes von 5 Jahren aus. Diese Ergebnisse sind einerseits sicherlich ein Resultat der Auseinandersetzung mit der Materie und den individuellen Interessen und Schwerpunkten, die im Rahmen der Anwendung des Internet gesetzt werden. Andererseits ist seitens der Befragten offensichtlich die Angebotsseite mit in die Antwort eingegangen und die fällt, hierbei sei auf Kapitel 5 verwiesen, nicht gerade umfangreich aus.
Sonst wird die Entwicklung des Internet positiv beurteilt. 85 % der Befragten sind der Meinung, dass sich unsere heutigen Mediengewohnheiten durch das Internet innerhalb der nächsten Jahre stark verändern werden. "Das Internet wird so alltäglich sein wie heute Telephon oder Fernsehen."[1] "Innerhalb der nächsten 10 Jahre wird der Fernseher durch einen Multimedia - PC stark in Bedrängnis geraten (52% sind der Auffassung, dass dieser das TV Gerät ablöst)." Die Substitution des TV-Gerätes ist mittlerweile nicht mehr wahrscheinlich. Vielmehr wird es verschiedene Zusatzgeräte zum Fernseher geben, die auf vereinfachte Art und Weise Zugang zum Internet ermöglichen. Die bereits erwähnte Met@box ist ein Beispiel, dass bereits Marktreife erlangt hat.
Die im Kapitel 2.5 generell dargelegten Anmerkungen zur Kommunikation im Rahmen von Beteiligungsprozessen und die in den Kap. 3.1.1 und 3.1.2 Ausführungen zur Internetkommunikation zeigen, dass einerseits Kommunikationsschwierigkeiten, die im Rahmen von Diskussionsrunden und Meetings von Bedeutung sind, im Internet ihre Bedeutung verlieren, z.B. die Angst sich in einer offenen Runde zu äußern oder die Furcht vor der direkten Konfrontation mit einer statushöheren offiziellen Person. Andererseits hat die Internetkommunikation aufgrund der filternden Wirkung des Mediums eine andere Qualität. Besonders das nonverbale Spektrum (Ironie, Stimmungen, Gestik) wird, je nach eingesetzter Kommunikationstechnik, reduziert bzw. vollends unterdrückt. Daraus erwächst das Problem, den oder die Kommunikationspartner einzuschätzen. Botschaften beruhen jedoch in gewissem Umfang auf dam gemeinsamen sozialen Wissen von Sender und Empfänger, folglich sind Botschaften jeweils nur für einen spezifisch definierten sozialen Rahmen von Bedeutung bzw. überhaupt verständlich.[2] Wenn dieser nicht genau bestimmt werden kann, führt das zu Missverständnissen. Kennen sich alle Beteiligten, relativiert sich dieses Problem, bei Planungsvorhaben in größeren Städten, ist diese Bekanntheit seltener vorauszusetzen.
Deshalb werden sinn- und zielbestimmende Themen und komplizierte Fragestellungen, in nächster Zeit eher weiterhin im Rahmen von Diskussionsrunden und face-to-face Kontakten besprochen werden, da Kommunikationstechniken, die entsprechendes leisten könnten (Internetkonferenzen) noch nicht weit genug entwickelt und verfügbar sind, um sinnvolle und ergiebige Auseinandersetzungen zu ermöglichen.
Im Einzelfall, wenn der Bekanntheitsgrad der Beteiligten groß ist und sie sich über die gemeinsame Diskussionsgrundlage im klaren sind, können Kommunikationsmöglichkeiten des Internet, wie z.B. Chat oder Diskussionsforen hingegen gut zur Verständigung verwendet werden.[3] Hier zeigt sich auch die Möglichkeit, z.B. regelmäßig stattfindende Treffen (runde Tische, Planungszellen) nach einer gewissen Zeit, wenn sich die Beteiligten näher kennen gelernt haben, zumindest zeitweise auf die "virtuelle Ebene" zu verlagern.
Wenn für Gespräche spezielle Planunterlagen als Grundlage dienen, müsste zumindest gewährleistet sein, dass diese sich auf einer für alle zugänglichen Site befinden, dafür hätten z.B. die Planungsämter Sorge tragen. Problematisch ist allerdings, dass gestalterisch - kreative Möglichkeiten eher beschränkt sind. Schnelle Skizzen spontaner Ideen lassen sich nur verzögert erstellen. Sie müssten von den betreffenden Personen eingescannt, bzw. mit einem Graphik-Programm gezeichnet und anschließend per E-Mail oder Mailing Liste an die übrigen Teilnehmer versandt werden. Ein umständliches und wenig anschauliches Verfahren. Groupware (Internetkonferenzsoftware) erlaubt zwar bereits das zeitgleiche Arbeiten an ein und derselben Zeichnung, über das Netz, ist aber noch nicht ausreichend verbreitet und wird demzufolge erst in naher Zukunft zur Behebung dieser Schwierigkeit beitragen.
6.1 Wie profitieren welche Bevölkerungsgruppen von der Internetpartizipation
Verschiedenste Studien vermitteln folgendes Bild der Online Nutzer. Sie sind vornehmlich männlich (72,2% 1998; 69 % Nov. 1999 [4]), auch wenn der Anteil der Frauen zunimmt (27,8 1998; 31 % Nov. 1999 [5]). Die Altersgruppe der 30 bis 40 jährigen ist mit 31,1 % am häufigsten vertreten gefolgt von den 20 bis 30 jährigen (24 %). Abitur bzw. einen Hochschulabschluss haben 58,9 %. Die größte Gruppe stellen Angestellte (39 % 3 Quartal 1999), wobei sich deren Anteil in den letzten 3 Monaten weiter erhöht hat. (47,2 % November 1999). "Das Alter steigt langsam an."[6] Die Gruppe der Arbeiter ist nur mit 5,5 % (3. Quartal 1999) vertreten, bzw. leicht auf 6,4 % der Online-Nutzer (November 1999) gestiegen. Für das nächste halbe Jahr planen 17,7 % der Nichtnutzer einen Internetzugang. Dass würde eine Zunahme um 9,57 Mio. bedeuten, mithin eine Verdoppelung der Nutzer [7]/[8]
Zur Zeit wird das Internet also vornehmlich von tendenziell jüngeren und höher qualifizierten Menschen mit höherem Einkommen genutzt, die Tendenzen weisen jedoch auf Veränderungen zu einer ausgeglicheneren Nutzerstruktur hin. Obwohl die sozial - statistischen Merkmale der Internetnutzer signifikant von denen der Gesamtbevölkerung abweichen, ist es noch lange kein Grund, eine Internetpartizipation aus Furcht vor einer Benachteiligung anderer Gruppen abzulehnen. Vielmehr ist es sinnvoll, diese Menschen gezielt über dass von ihnen genutzte Medium anzusprechen, gerade auch, um eine gerechte Beteiligung aller gesellschaftlichen Schichten und Gruppen zu erreichen und den Kreis der Beteiligten zu erweitern.
Außerdem hat die Partizipationsforschung in ihren Untersuchungen herausgefunden, dass vor allem drei Faktoren, Alter, Geschlecht und der sozio - ökonomische Status, als Determinanten politischer Beteiligung fungieren. Ein hoher sozio - ökonomischer Status des Individuums ließe dabei generell auf eine höhere politische Beteiligung desselben schließen.[9] Wenn man dieses Standardmodell politischer Beteiligung zur Erklärung heranzieht, müsste das Bedürfnis der Internetnutzer sich politisch zu beteiligen, durchschnittlich höher sein als in der Gesamtbevölkerung. Davon könnte die Planungsbeteiligungsintensität profitieren.
Im Hinblick auf sich abzeichnende zukünftige Entwicklungen ist eine Verstärkung der Internetpartizipation sogar zwingend notwendig. Dabei sollten die verschiedenen Bedürfnisse unterschiedlicher Altersgruppen innerhalb der Anwender berücksichtigt werden, besonders wenn sie anteilig noch unterrepräsentiert sind.
Kinder und Jugendliche, die über Familie, Schule und Hobby mit dieser Technologie aufwachsen, kennen sich bereits sehr gut mit dem Internet und dessen Anwendungsmöglichkeiten aus. Sie bilden sozusagen die nachwachsenden Generationen, für die das Internet ein alltägliches Kommunikationsmittel darstellt. Ihr Potential sollte mit Hilfe interessanter, auf sie zugeschnittene Internetangebote, gefördert werden. Planungsthemen und Planungsbeteiligung gehören ebenfalls dazu, einerseits im Sinne der Nachhaltigkeit von Planungen, andererseits um sie spielerisch mit der Materie vertraut zu machen, auf dass sich daraus vielleicht auch im Erwachsenenalter ein Engagement in Gemeindeangelegenheiten entwickelt bzw. erhält. Bedauerlicherweise ist die Angebotslage, für diese Gruppe, soweit feststellbar, sehr dürftig. (Kap. 4.1.4.1).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Beteiligung per Internet vor allem für die gerade angeführten statistischen Merkmalsgruppen besonders eignet, also jüngere Erwachsene mit höherer Bildung und gutem Einkommen, sowie Kinder und Jugendliche, die durch Schule, Ausbildung und den privaten Gebrauch mit dem Medium bereits vertraut sind.
Ebenfalls eignet es sich für alle Personen, unabhängig von Alter, Bildung, Einkommen, die sich bereits, aus welchen Gründen auch immer, mit dem Medium beschäftigen und sich für kommunalpolitische Angelegenheiten ihrer Kommune interessieren.
In den Ergebnissen der Befragung (Kap. 5.4.10) werden die Jugendlichen und Kinder unter 15 Jahre in ihrer Eignung unterbewertet, vermutlich weil sie politisch noch nicht ernst genommen werden, schließlich dürfen sie nicht wählen; dabei sind gerade sie im Falle von Nachhaltigkeitsdefiziten in Planungsprozessen betroffen. Kreatives Potential und Lernvermögen bezüglich der PC-Technik und Internetanwendung werden offensichtlich unterschätzt.
In näherer Zukunft ist hier noch mit einer Ausweitung des Nutzerkreises auf Gruppen zu rechnen, die bisher noch relativ wenig mit dem Medium zu tun hatten. Schließlich werden immer anwenderfreundlichere Möglichkeiten entwickelt, die Menschen den Zugang zum Internet erleichtern. Auch die Preise für die Hardware, sowie den eigentlichen Internetzugang, fallen zusehends, so dass ökonomische Gründe abnehmende Bedeutung haben. Die Wissensverbreitung, vor allem durch praktische Anwendungsmöglichkeiten, ist der wichtigste Faktor für eine breitere gesellschaftliche Durchdringung. In diesem Zusammenhang sind besonders die Kommunen gefordert. Wenn es gelingt, einfach zu benutzende Terminal- und Kartenkonzepte umzusetzen, sind die Grundlagen für eine breitenwirksame Anwendung der Internettechnik gelegt. Kurse für Gruppen mit besonderen Anlaufschwierigkeiten, z.B. Senioren, tragen ebenfalls dazu bei.
Internetnutzende Personen und Gruppen profitieren grundsätzlich von den technisch-funktionalen Vorteilen, die dieses Instrument bietet, wenn sie sich über das Internet beteiligen. Geschwindigkeit, Multimedialität, die Möglichkeit viele Menschen zu erreichen und entsprechend erreichbar zu sein, sind hier zu nennen. Gründe, die seitens der Kommunen ebenfalls gerne genannt werden. Der Faktor Bequemlichkeit ist ebenfalls von großer Bedeutung, wenn man die Verringerung von Wegen als Beispiel nimmt oder die Möglichkeit zu jeder Tages- und Nachtzeit eine E-Mail schreiben zu können. Verfügen Kommunen über ein Virtuelles Rathaus, können nach Einführung der digitalen Signatur und der Ausweitung des Angebotes an Online – Formularen Behördengänge in Zukunft sogar ganz entfallen.
Häufig ist es gerade die Bequemlichkeit, die eine Wahrnehmung von Mitbestimmungsrechten verhindert, beispielhaft sei auf die Witterungsabhängigkeit des Wahlverhaltens verwiesen. Sicherlich ließe sich einwenden, dass lethargisches Verhalten wenig förderungswürdig ist, andererseits sind es häufig gerade familiäre oder berufliche Pflichten, die z.B. der Teilnahme an einem abendlichen Bürgertreffen entgegenstehen. Internetangebote können hier sehr gut Abhilfe schaffen und flexibler auf die verschiedenen Ansprüche und Lebensstile der Bürgerinnen und Bürger reagieren.
Für einige Nutzerinnen und Nutzer mag die steuerbare Anonymität ein Vorteil sein, falls eine Scheu vor Gruppentreffen oder direktem Kontakt besteht bzw. Meinungen als zu provokant empfunden werden. Der soziale Status kann ebenfalls, zumindest zeitweise, verborgen bleiben. Bei Umsetzung der digitalen Signatur wird es zu einer Einschränkung dieser Möglichkeiten kommen. Nonverbale Signale blieben, was sicherlich entscheidender ist, weiterhin verborgen, zumindest solange, bis sich vielseitigere Techniken (Multimedia Konferenz) weiterverbreiten.
Bürgerinitiativen könnten in ähnlicher Weise profitieren, wie Einzelpersonen oder Kommunen – wenn sie das Internet denn nutzen würden. Es lassen sich nur sehr vereinzelt Websites von Initiativen finden, und die haben dann eher regionalen Charakter und richten sich gegen spezielle Großprojekte (Lüchow-Dannenberg).
Aus den Anmerkungen im vorherigen Kapitel lassen sich die zur Zeit benachteiligten Personen und Gruppen ableiten. Es sind vor allem ältere und alte Menschen, die aufgrund von Faktoren wie fehlende Erfahrungen, mit neuen Technologien, verlangsamte Lernfähigkeit / Lernunwilligkeit und dem daraus resultierenden mangelnden Zugang zu den
IuKT wenig mit dieser Form der Kommunikation anfangen können. Aktuelle Studien zeigen, dass der Anteil der über 50 jährigen an den gesamten Internetnutzern lediglich 12,1 % beträgt.[10] Leider findet keine weitere Aufschlüsselung statt, es ist aber anzunehmen, dass der Anteil der über 70 jährigen gegen Null tendiert. Die Angaben der befragten Kommunen bestätigen diese Studien insofern, dass sie die Eignung des Internet als Beteiligungsinstrument für Bürger und Bürgerinnen über 65 Jahre mit 27,8 % als, im Vergleich mit anderen Altersgruppen, relativ gering bewerten. Trotzdem wird seitens der Kommunen die Eignung des Internet für ältere und alte Menschen erheblich höher eingeschätzt, als aktuelle Studien den realen Anteil dieser Altersgruppen an der Gesamtheit der Internetnutzer angeben. Dies lässt zumindest auf eine zukünftige Verbesserung der Internetangebotssituation der Kommunen speziell für ältere und alte Menschen hoffen. Schließlich beträgt der Anteil der über 50 jährigen an der Gesamtbevölkerung mittlerweile 40,3 %.[11]Es ist anzunehmen, dass sich der Anteil der älteren und alten Internetnutzer in Zukunft durch Eigeninitiative und gezielte Förderung (Volkshochschulkurse, Angebote der Kommunen) ebenfalls erhöhen wird. Der Anteil derjenigen, die mit dem Internet nicht anzufangen wissen oder es auch nicht wollen, wird allerdings unter den Senioren auch in 20 Jahren immer noch am größten sein.
Hier spielen sicherlich Ängste vor der Technik an sich und der auf den ersten Blick unüberschaubaren Informationsflut eine wichtige Rolle. Außerdem wollen Seniorinnen und Senioren sicherlich eher unter Menschen gehen, als sich daheim mit dem PC zu isolieren. Für immobile und isolierte Menschen, nicht nur höherer Altersgruppen, könnte sich das Internet jedoch als interaktives "Tor zur Welt" anbieten, vielmehr als Fernseher oder Telephon.
Eine weitere altersunabhängige Gruppe der Bevölkerung, die auf lange Sicht Schwierigkeiten mit der Anwendung des Internet zu Beteiligungszwecken haben wird, sind die sozial benachteiligten Menschen. Nicht nur aus ökonomischen Gründen ist ihr Radius bei der Beschaffung und dem Betrieb der IuKT eingeschränkt. Hinzu gesellt sich häufig eine geringere Medienkompetenz als Resultat von Bildungslücken und allgemein schwierigeren Lebensumständen. So werden Möglichkeiten nur in Ansätzen, z.B. in Form von Computerspielen genutzt. Dies gilt besonders für Jugendliche, sogar unabhängig von den sozioökonomischen Gegebenheiten in ihren Familien. Die Masse der Informationen macht es teilweise schwer, "junk information" von sinnvollen Inhalten zu trennen, vorausgesetzt dies ist überhaupt beabsichtigt.
Falls weitreichende Mitbestimmungsmöglichkeiten über das Internet realisiert werden, wird die Meinung sozial schwächerer Menschen auf dem elektronischen Wege weniger Berücksichtigung finden. Es besteht die Gefahr einer gewissen technologischen Entrechtung.[12]
Einige Autoren prognostizieren eine Verschärfung der Kluft zwischen "information rich" und "information poor".[13] Die zweite Gruppe wäre dementsprechend weitgehendst von Internetbeteiligungsmöglichkeiten abgeschnitten.
Zur Zeit kann davon gesprochen werden, dass der fehlende Zugriff auf das Internet die Mehrheit der Bevölkerung, unabhängig von Alter, Bildung und sozio - ökonomischen Bedingungen, von einer Partizipation unter Anwendung der IuK-Technik ausschließt. Dieser Anteil nimmt zwar ab, mit einer Umkehr der Verhältnisse ist schätzungsweise erst in ca. 5 Jahre zu rechnen. Dementsprechend kann und sollte die Internetpartizipation nur als Ergänzung zu bestehenden Möglichkeiten betrachtet und verwendet werden.
Ein wesentliches Handicap für eine adäquate Internetbeteiligung ist das unausgewogene Geschlechterverhältnis der Nutzer. Frauen sind erheblich unterrepräsentiert, sicherlich ein Resultat anerzogener Technikskepsis und Technikangst. So gehören Frauen tendenziell ebenfalls zur Gruppe der Benachteiligten. Sicherlich gibt es alters- und bildungsspezifische Unterschiede. Mädchen und junge Frauen haben aufgrund geänderter Lehrpläne und spezieller Programme an Schulen sicherlich einen ganz guten Draht zum Computer und dem Internet, bei Frauen, die wenig Gelegenheit dazu hatten sich mit der Materie zu beschäftigen, sieht die Situation erheblich ungünstiger aus.
Beispiele für informative, dienstleistungsorientierte Websites gibt es in großer Zahl, interaktive Beteiligungs- und Mitbestimmungsangebote im Rahmen von Planungsvorhaben nur sehr selten. Dies liegt vor allem darin begründet, dass die Kommunen laut Befragung (Kap. 5.4.8) vornehmlich auf die Funktions- und Organisationsvorteile der IuKT Wert legen. Im Rahmen verwaltungsinterner Arbeitsabläufe und der Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern, werden Schnelligkeit, Multimedialität und Effektivität stark betont. Bürgerfreundlichkeit und Aufgeschlossenheit stellen ebenfalls Gründe für ein erweitertes Online – Angebot dar, die aus dem neuen Verständnis entspringen, dem Bürger gegenüber eine Dienstleisterfunktion wahrzunehmen.
Werden konkrete Beteiligungsmöglichkeiten angeboten, haben diese eher den Charakter von Prototypen. Dabei ist, vor dem Hintergrund der stattfindenden technischen Entwicklungen und deren zunehmender Verbreitung entscheidend, zügig die gesellschaftlichen Fundamente zu legen, die zu einer sozialverträglichen und produktiven Entwicklung beitragen. Den Kommunen wäre somit die Möglichkeit gegeben, eigene Vorstellungen und Entwicklungsziele bei der Gestaltung dieses "sozio - technischen"[14] Systems umzusetzen. Zögerliches Agieren führt nur dazu, dass kommerzielle Unternehmen, generell Wirtschaftsakteure, zur Zeit die Standards setzen und über kurz oder lang den Gestaltungsspielraum der Kommunen begrenzen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es kritisch zu sehen, wenn Kommunen ihren Internetauftritt vollends von einem Dienstleistungsunternehmen gestalten lassen. Dies führt zwar zu attraktiven Sites, inhaltliche Fragestellungen, die z.B. den Bereich Internetbeteiligung - elektronische Demokratie betreffen, können dabei leicht auf der Strecke bleiben.
Was Gestaltung und Kontrolle über die IuKT anbelangt, sind auch gegensätzliche Beispiele vorhanden. Mittlerweile haben 60 Kommunen im Bundesgebiet eigene Telekommunikationsgesellschaften gebildet, entweder in Eigenregie (20 %) oder mit anderen kommunalen (Stadtwerke) oder privaten Unternehmen zusammen. Über den Ausbau und die Art der verwendeten IuKT entscheiden diese Kommunen also mehr oder weniger stark mit. Dies hat auch direkte Vorteile für Bürgerinnen und Bürger, wenn ihnen beispielsweise ein Netzzugang zu günstigen Konditionen über einen kommunalen Service angeboten wird (Bsp.: NetCologne)[15]. Für kleinere Kommunen ist diese Option natürlich weniger geeignet. In Kooperation mit andern Kommunen ließe sich allerdings ein vergleichbares Angebot umsetzen.
Aus Imagegründen, um sich zu profilieren und vor allem um die soziale Integration der IuKT zu bewirken, sollten die Kommunen durch geeignete Maßnahmen die Medienkompetenz ihrer Bürger fördern. Dazu müssten Gelegenheiten zum Ausprobieren der Technik geschaffen werden. Internetkaffees, Jugendklubs, Seniorentreffs und Terminals auf öffentlichen Plätzen wären beispielsweise Orte, an denen sich gerade Personen und Gruppen mit ungünstigen Zugangsvoraussetzungen (Kap. 6.2) mit der Materie vertraut machen könnten.
Konkrete Planungsinformationen, verknüpft mit direkten und interaktiven Beteiligungsmöglichkeiten, verlangen von Planerinnen und Planer eine gewisse Flexibilität, gerade was die Anwendung der IuKT anbelangt. Als Gegenleistung können Einwendungen, Alternativvorschläge und sachdienliche Hinweise seitens der internetnutzenden Bürger, zu einem genaueren Bild der Situation im Planungsbereich beitragen, bei der Zielformulierung helfen und die Nachhaltigkeit von Planungsergebnissen stützen. Wenn die Kommunen eine transparente Planungspolitik verfolgen, werden die Bürger ebenfalls eher motiviert sein, sich an Planungsprozessen zu beteiligen.
Die Möglichkeit mit Hilfe der Internetkommunikationsmittel eine schnelle, interaktive und anhaltende Kommunikation zwischen Bürgern und Verwaltung zu unterhalten, kann einerseits konstante Mitarbeit an Planungsprozessen ermöglichen, anderseits eine permanente Fehlerkontrolle etablieren, wodurch der Erfolg von Planungen ebenfalls wahrscheinlicher wird. Möglicherweise wird auch die Planungsphase verkürzt, was ebenfalls zur Motivation der Bürgerinnen und Bürger beitragen kann, da schneller Ergebnisse sichtbar werden.
Die überwältigende Mehrheit der Kommunen sieht die Partizipation mit Hilfe der verschiedenen Internet Kommunikationstechniken eher als Ergänzung zu den bereits gebräuchlichen Formen (Kap. 5.4.9). Diese Ansicht ist unter den gegebenen Umständen nur zu verständlich. Die Anzahl der Internetnutzer ist noch zu gering, um eine alleinige Beteiligung auf diesem Wege zu bewerkstelligen. Selbst unter der sehr wahrscheinlichen Annahme, dass sich die Nutzungsverhältnisse in den nächsten Jahren zugunsten der Internetnutzer umkehren werden, ist es nicht möglich und noch weniger wünschenswert, Beteiligung nur noch auf die virtuelle Weise durchzuführen. Je nach Intensität und Art der Beteiligung bietet sich eine Differenzierung an. Bei einfachen Abstimmungen, sei es im Rahmen von Wahlen oder Plebisziten, wird sich sicherlich in Zukunft der vernetzte Computer durchsetzen, alleine schon, um die Auszählung zu vereinfach. Für Menschen die weiterhin keinen PC oder andere Zugangsgeräte besitzen, finden öffentliche Terminals Verwendung oder spezielle "Computerwahlräume". Dazu bedarf es natürlich der individuellen digitalen Signatur, möglicherweise finden auch biometrische Verfahren (Kap. 3.1.3) Verwendung.
Unter gegebenen Bedingungen und auch in Zukunft, wird sich das persönliche Gespräch bei der Verständigung über Planungsangelegenheiten nicht durch IuKT ersetzen lassen. Selbst sehr vielseitige Techniken, wie die Internetkonferenz werden auch in fernerer Zukunft nicht in der Lage sein, das gesamte Spektrum der nonverbalen Informationen zu übermitteln. Gestik und Mimik haben in der zwischenmenschlichen Verständigung eine größere Bedeutung als die Sprache allein (7%Worte (Inhaltsaspekt), 38% Betonung (Beziehungsaspekt), 55% visuelle Eindrücke (Mimik/Gestik).[16] Die nonverbale Kommunikation bestimmt wie sich der Gesprächspartner fühlt. Das Dekodieren und reagieren auf nonverbale Botschaften geht schneller, als bei sprachlichen oder schriftlichen, die sorgfältiger analysiert werden müssen. Nonverbales Verhalten zeigt nicht das wahre Gesicht einer Person, jedoch legt es den Eindruck fest, den ein Gegenüber im Gespräch von dieser Person haben soll und auch für deren wahres Gesicht hält.[17] Methoden, die im Rahmen von Planungsprozesse zur Ideensammlung, Zielentwicklung und Konsensfindung eingesetzt werden, beispielweise Workshops und Planungszellen, sind auf Körperliche Präsenz, nonverbalen Signale angewiesen. Außerdem entstehen Kreativität und Innovation oft durch spontane, unstrukturierte, und tiefe Kommunikation im direkten persönlichen Austausch. Somit bleiben räumliche Nähe, und der face to face Kontakt weiterhin von großer Bedeutung, unabhängig davon, wie sich die IuKT weiterentwickeln. Allerdings kann die Internetkommunikation für Rücksprachen, terminliche Festsetzungen, den Austausch von Informationsmaterial sehr gut Verwendung finden. Vor allem, wenn sich die Beteiligten bereits kennen und eine Vorstellung voneinander haben. So kann z.B. im Vorfeld oder zwischen regulären Veranstaltungen bereits informell über das Internet klärende Vorarbeit geleistet werden, die zu einer Straffung das Verfahren beiträgt. Spontane Ideen und Änderungswünsche können sofort allen anderen, z.B. per Mailing List oder Diskussionsforum, übermittelt werden, so bleiben die Beteiligten im Gespräch und in der Materie. Demotivierende Wartezeiten zwischen den einzelnen Verfahrensschritten und Terminen fallen somit geringer ins Gewicht.
[1] vgl.: Kornetzky, Sven / Zoche, Peter Inernet User Survey, 1998, S.10
[2] vgl.: Frey, Gerhard: Veränderung der verbalen und nonverbalen Kommunikation..., 1996, S. 18
[3] Geser, Hans: Auf dem Weg zur "Cyberdemocracy?, 1996, Kap. 2.3.
[4] Studie Mediagruppe München (MGM) @facts, 1999; http://www.wuv.de/studien/afacts_1199/index.html
[5] Studie Mediagruppe München (MGM) @facts, 1999; http://www.wuv.de/studien/afacts_1199/index.html
[6] vgl.: Kornetzky, Sven / Zoche, Peter Inernet User Survey, 1998, S. 4
[7] vgl.: Kornetzky, Sven / Zoche, Peter Inernet User Survey, 1998, S. 4
[8] Studie Mediagruppe München (MGM) @facts, 1999; http://www.wuv.de/studien/afacts_1199/index.html
[9] vgl.: Hagen, Martin: Amerikanische Konzepte elektronischer Demokratie, 1999, S.6/7
[10] Studie Mediagruppe München (MGM) @facts, 1999; http://www.wuv.de/studien/afacts_1199/index.html
[11] Studie Mediagruppe München (MGM) @facts, 1999; http://www.wuv.de/studien/afacts_1199/index.html
[12] Soete, Luc u.a.: Eine europäische Informationsgesellschaft für alle; Erste Überlegungen der Gruppe hochrangiger Experten; Europäische Kommission, 1996, S. 82
[13] Bader, Roland: Partizipation mit Multimedia (Auszug), in: Zeitschr. Medien und Erziehung 06.1996
[14] Kubicek, Herbert: Bürgerinformationssysteme - Stand und Perspektiven im Rahmen multimedialer Stadtinformation, 1996
[15] vgl.: Grabow, B./ Lehmbrock, M.: Telekommunikation - Stadt – Verkehr / Telekommunikation statt Verkehr, 1998, Kap. 2.5 http://www.difu.de/25Jahre/papiere/infrastruktur.shtml
[16] Frey, Gerhard: Veränderung der verbalen und nonverbalen Kommunikation innerhalb eines informationstechnisch vernetzten Unternehmens und daraus resultierende Konsequnezen für die Innovationsfähigkeit Seite 25
[17] Frey, Gerhard: Veränderung der verbalen und nonverbalen Kommunikation innerhalb eines informationstechnisch vernetzten Unternehmens und daraus resultierende Konsequnezen für die Innovationsfähigkeit Seite 25